Forschung Friedrich Lohmann
Forschung Friedrich Lohmann
1. Protestantismus und Menschenrechte
Der Gedanke allgemeiner Menschenrechte hat die Umbrüche des 20. Jahrhunderts nicht nur überdauert, sondern ist durch sie zu einer öffentlichen Aura gelangt, wie sie sonst wohl gegenwärtig keinem ethischen Konzept zukommt. Gleichwohl ist das Konzept nicht unumstritten. Kritisiert wird vor allem sein individualistischer Zuschnitt und die ihm eigene Asymmetrie zwischen Rechten und Pflichten. Beides sind zutreffende Beobachtungen, aber handelt es sich hier nicht gerade um Vorzüge des Konzepts? Um Vorzüge jedenfalls dann, wenn man die Menschenrechte aus protestantischer Perspektive betrachtet und sich klar macht, dass sowohl der Primat des Individuums wie der von dessen Rechten ein spezifisches Erbe der protestantischen (Vor-) Geschichte des Menschenrechtsgedankens sind. Diese Geschichte Schritt für Schritt nachzubuchstabieren, verspricht nicht nur historischen, sondern auch systematischen Erkenntniszuwachs, indem der Ursprung der Theorie in konkreten Unrechtserfahrungen deutlich wird.
Bisherige Veröffentlichungen:
Die Bedeutung des Protestantismus für die Menschenrechtserklärungen der Moderne; in: Religion, Menschenrechte und Menschenrechtspolitik. Hg. v. Antonius Liedhegener u. Ines-Jacqueline Werkner, Wiesbaden 2010, 126-152
Universale Menschenrechte - partikulare Moral. Eine protestantische Sicht; in: Universelle Menschenrechte und partikulare Moral. Hg. v. Gerhard Ernst u. Stephan Sellmaier, Stuttgart 2010, 149-170
Die Bedeutung wirtschaftlicher und sozialer Rechte in theologischer Perspektive; in: epd-Dokumentation 42/2010, 7-14
2. Umwelt- und Bioethik
Der gegenwärtige, maßgeblich von Menschen verursachte Klimawandel und seine global bereits spürbaren gesellschaftlichen Rückwirkungen lassen eine Reflexion über die Umweltbeziehungen des Menschen und die aus seiner Schöpfungsverantwortung resultierenden Handlungsmaximen besonders dringlich erscheinen. Nicht Ausbeutung, sondern Erhaltung natürlicher Ressourcen muss hier prinzipiellen Vorrang haben. Doch wie lässt sich dieses Prinzip auf die komplexen individuellen und gesellschaftlichen Handlungsentscheidungen anwenden? Was ergibt sich daraus für die ethische Bewertung neuer Handlungsmöglichkeiten, wie sie durch die Synthetische Biologie und die Nanotechnologie repräsentiert werden? Die Antworten lassen sich nur in interdisziplinären Bezügen geben, zu denen meine Mitarbeit an der Vorbereitung eines Antrags gehört, der jüngst im Rahmen der Exzellenzinitiative der Humboldt-Universität zu Berlin in die Endauswahl gelangt ist: „FutureLand Graduate School - Wege zu einer nachhaltigen Landnutzung“.
Bisherige Veröffentlichungen:
Die Bedeutung der dogmatischen Rede von der „creatio ex nihilo“; in: ZThK 99 (2002) 196-225
Climate justice and the intrinsic value of creation: The Christian understanding of creation and its holistic implications; in: D. Gerten/S. Bergmann (eds.): Religion in Environmental and Climate Change, London/New York 2011 (forthcoming).
3. Anthropologische Grundlagen der Wirtschafts- und Arbeitsethik
Die protestantische Ethik tendiert dazu, das Menschenbild der neoklassischen Ökonomik, wie es sich im Modell des bei der Entscheidungsfindung strikt Vorteile für sich kalkulierenden homo oeconomicus bündelt, zu kritisieren. Das traditionelle Gegenmodell stellt den Begriff der Pflicht ins Zentrum protestantischer Ethik. Dem Egoismus wird der Altruismus, dem Eigennutz die Gemeinwohlorientierung entgegengesetzt. Resultat: das „typisch protestantische“ Arbeitsethos mit seiner Hochschätzung der Arbeit als angemessener Verwirklichung des Menschseins. Aber handelt es sich hier nicht auch, wenn auch in anderer Weise als beim homo oeconomicus, um eine anthropologische Verkürzung? Müsste eine neue Wirtschafts- und Arbeitsethik nicht bei der „Fülle des Lebens“ (eine von Dietrich Bonhoeffer geprägte Wendung) ansetzen und das komplexe Zusammenspiel von Nutzen und Pflicht, von Arbeit und Freizeit, von Individuum und Gemeinschaft neu erkunden?
Bisherige Veröffentlichungen:
Zeit der Freiheit. Freizeit als sittliche Gestaltungsaufgabe; in: Freizeit als Thema theologischer Gegenwartsdeutung. Hg. v. T. Claudy u. M. Roth, Leipzig 2005 (Theologie – Kultur – Hermeneutik 1), 143-164
Jenseits von „unsichtbarer Hand“ und „Appellitis“. Zum Standort der Theologie im Wirtschaftsleben; in: Beiheft BThZ 27/28 (2010) 208-228
4. Das Spezifikum der protestantischen Ethik
Gibt es überhaupt eine spezifisch protestantische Ethik? Die Einschätzungen reichen von der These, der Protestantismus, namentlich in seiner lutherischen Gestalt, habe der Ethik generell skeptisch gegenübergestanden, bis zur umgekehrten Behauptung, der Protestantismus habe der christlichen Ethik gerade zu neuer Bedeutung verholfen. Beliebt ist auch die zwischen diesen beiden Extremen stehende Position, wonach der Protestantismus zwar keine neuen inhaltlichen Akzente in der Ethik gesetzt habe (was ist zu tun?), wohl aber auf dem Gebiet der Motivation (warum ist etwas zu tun?). Die Vorsicht im Blick auf eine auch inhaltliche Spezifizität resultiert dabei nicht zuletzt aus der Sorge um einen mit dieser scheinbar einhergehenden öffentlichen Bedeutungsverlust der christlichen Ethik. Denn wie soll die allgemeine Relevanz einer spezifisch grundgelegten Theorie behauptet werden können? Beiden Fragen, der nach dem Spezifikum der protestantischen Ethik und ihrer öffentlichen Vermittelbarkeit, gehe ich in meiner Arbeit nach.
Bisherige Veröffentlichungen:
Zwischen Naturrecht und Partikularismus. Grundlegung christlicher Ethik mit Blick auf die Debatte um eine universale Begründbarkeit der Menschenrechte, Berlin/New York 2002 (TBT 116)
„Nation unter Gott“? Staat und Religion in den USA; in: Religion, Politik und Gewalt. Kongressband des XII. Europäischen Kongresses für Theologie. 18.-22. September 2005 in Berlin. Hg. v. Friedrich Schweitzer, Gütersloh 2006 (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 29), 689-707
Der Zusammenhang von Religion, Ethik und Moral. Eine protestantische Sicht; in: Wie funktioniert Bioethik? Hg. v. Cordula Brand, Eve-Marie Engels, Arianna Ferrari u. László Kovács, Paderborn 2007, 177-187
Art. Ethik; in: B. Hübener/G. Orth (Hgg.), Wörter des Lebens. Das ABC evangelischen Denkens, Stuttgart 2007, 50-54
5. Ethik und empirische Wissenschaft
Die Krise der traditionellen Ethik und insbesondere ihrer metaphysischen Hintergrundannahmen erfolgt zeitgleich mit spektakulären Erkenntnisfortschritten in den empirischen Natur- und Sozialwissenschaften. Es liegt daher nahe, das bereits in der Vergangenheit, etwa von Jeremy Bentham, nahegelegte Verfahren einer auf Beobachtung und Experiment rekurrierenden Ethik aufzugreifen und sich den Phänomenen der menschlichen Moralität auf empirischer Basis zuzuwenden. Zwischenmenschliches Handeln wird auf diese Weise nicht nur erklärbar, sondern auch quantifizierbar, was dem allgemeinen Trend zu einer Mathematisierung der Lebenswelt entgegen kommt. Doch wo liegt die Grenze zwischen bloßer Erklärung und reduktionistischer Deutung? Welchen Status können empirische Aussagen für eine normative Theorie überhaupt haben?
Bisherige Veröffentlichungen:
A hilft B, C hilft A. Sind wir von Geburt an Altruisten? Ethische Aspekte neuerer empirischer Kooperationsforschung; in: Zeitzeichen 8 (2007/1) 47-49
Ethik, Anthropologie und Metaphysik; in: Metaphysik und Religion. Die Wiederentdeckung eines Zusammenhanges. Hg. v. Hermann Deuser, Gütersloh 2007 (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 30), 264-283
A New Case for Kantianism: Evolution, Cooperation and Deontological Claims in a Society of Human Beings. 12 S. (Beitrag zu einem Sammelband mit dem Titel: „God, Evolution, and Games“, der 2011 bei Harvard University Press erscheinen wird)



