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Zeitumstellung

Wer hat an der Uhr gedreht?

29.10.2006: Prof. Geißler über den (Un-)Sinn der Umstellung von Sommer- auf Winterzeit

Am 29. Oktober, um 03:00 Uhr, wurde dieses Jahr die Uhr um eine Stunde zurückgestellt. Der Zeitforscher Karlheinz Geißler, Professor an der Fakultät für Pädagogik, steht der alljährlichen Prozedur skeptisch gegenüber:

uhr_240x240.jpg„Jedes Jahr das Gleiche: Im Frühjahr wird uns eine Stunde genommen und im Herbst wird sie uns wieder zurückgegeben. Das stimmt natürlich nicht. Genommen wird uns gar nichts und geschenkt bekommen wir ebenso wenig. Wir manipulieren, denn wenn wir die Sommerzeit einführen und rückgängig machen, ändern wir zwar die Uhrzeiger, aber nicht die Zeit. Was machen wir dann eigentlich im Frühjahr und im Herbst? Und warum tun wir das?

Früher gab es einen Grund für die Einführung der Sommerzeit

Erstmalig geschah es 1916, also während des Ersten Weltkrieges. Zum zweiten Mal hat sich das Hitlerregime, ebenso in Kriegszeiten (1940), an den Zeigern der Uhren zu schaffen gemacht, und Anfang der Siebziger (1973), im Gefolge der Ölkrise, hat man dann erneut die Standardzeit durch die Sommerzeit unterbrochen. Immer geschah dies mit der Absicht, Energie, speziell Strom, zu sparen. Diesen drei Ereignissen ist gemeinsam, dass sie in Krisenzeiten stattfanden. Die Krise war der Anlass für die Uhrzeitmanipulation. Welche Krise aber wird heutzutage bewältigt? Erwünschte Energiesparmaßnahmen, wie immer wieder behauptet, sind es nicht. Was aber ist dann der Grund für die Zeitmanipulationen, die uns zweimal im Jahr unruhig schlafen lassen? Regierungsamtlich wird keiner verlautbart. Die Verantwortung dafür wurde inzwischen zum Europäischen Parlament nach Straßburg bzw. Brüssel abgeschoben. Von dort aber hört man auch kein überzeugendes Argument. Zur Krisenintervention kann diese „Zeitstörung“ schon deshalb nicht dienen, weil die Befristung der Sommerzeit seit 2002 - nach der „Neunten Richtlinie des Europäischen Parlaments und des Rates vom 19. Januar 2001“ - aufgehoben wurde.

Die Zeit darf sich eine Stunde lang ausruhen

Der Stundenklau im Frühjahr und das herbstliche Stundengeschenk werden damit zur unendlichen Geschichte. Jedes Jahr der gleiche Ablauf – bereits dies belegt, dass die Uhrumstellung kein Krisensymptom mehr ist, ansonsten lebten wir ja in der Dauerkrise. Also wieder mal eine politische Entscheidung, nach deren Grund man vergeblich sucht. Für all jene, die einen Grund finden wollen, ein Angebot: Am Ende der Sommerzeit, jedes Jahr am letzten Oktoberwochenende, bekommt die Zeit, die uns so treu bis zu diesem Termin begleitet hat, eine Stunde lang Zeit, um sich endlich mal auszuruhen. In dieser Stunde tritt sie auf der Stelle, entspannt sich von den vielen Anstrengungen und freut sich, dass sie nach einer Stunde wieder gehen kann. Dabei darf man ihr zuschauen, das Beste was man machen kann. Also vergessen wir einfach die Uhr in dieser Stunde, sie geht sowieso falsch!“

 

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Von Karlheinz Geißler ist ein neues Buch zum Thema „Zeit“ erschienen

Alles espresso.
Kleine Helden der Alltagsbeschleunigung
Hirzel Verlag Stuttgart, 2006.

 

 

 

 

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