„Sag mal, Juri…“
Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz und ehemaliger Staatssekretär des Auswärtigen Amts, war am 3. März zu Gast in der Universitätsbibliothek. Im Rahmen der Forums-Reihe „Sicherheit im Dialog“ sprach er über internationale Krisendiplomatie und blickte auf die diesjährige Sicherheitskonferenz zurück. Ischinger gelang es, den rund 300 Gästen, darunter viele Studierende der Universität, einen Einblick in Konflikte zu geben, die derzeit die internationale Diplomatie beschäftigen. Er schöpfte dabei auch aus seinem reichen Erfahrungsschatz auf dem „internationalen Parkett“ und unterhielt die Zuhörer mit einigen Anekdoten aus den Zentren der Macht.
Kein Freund von Sanktionen
Ischinger konzentrierte sich in seinen Ausführungen auf vier Themen, die seiner Meinung nach für die internationale Sicherheitspolitik der nächsten Jahren bestimmend sind: Die nukleare Abrüstung, das Verhältnis zu Russland, das Verhältnis zum Iran und die wirtschaftliche Stabilität Griechenlands. „Was haben Griechenlands Finanzen mit Sicherheit zu tun?“, werde er oft gefragt, so Ischinger. Er betonte, dass Griechenland mit seinen Problemen keinesfalls allein gelassen werden dürfe, und zwar aus existentiellem Eigeninteresse: „Nichts ist für unsere Sicherheit und Prosperität so wichtig wie die Stabilität der europäischen Konstruktion und des Euro.“ In Bezug auf den Iran sprach er sich gegen weitere Sanktionen aus. Seine jahrelange Erfahrung habe ihn gelehrt, dass Sanktionen eher dazu führen, dass die Bevölkerung enger mit dem Regime zusammenrückt, da es einen gemeinsamen Feind von außen gibt. „Breit angelegte Sanktionen sind in der Regel kein gutes politisches Mittel.“ Ischinger bedauerte, dass der iranischen Außenminister Manuchehr Mottaki auf der diesjährigen Sicherheitskonferenz eine Chance auf Annäherung verspielt hat. Nach Mottakis provokanter Rede war keiner der westlichen Politiker mehr zu informellen Gesprächen, wie sie im Rahmen der Sicherheitskonferenz möglich sind, bereit.
Per Du mit den Größen der internationalen Politik
Wolfgang Ischinger hat in Bonn und Genf ein Jurastudium absolviert und anschließend an der Fletcher School of Law and Diplomacy Völkerrecht studiert. 1975 trat er in den Auswärtigen Dienst ein und war u.a. Botschafter in Washington und Paris sowie langjähriger Leiter der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amts und von 1998 bis 2001 Staatssekretär des Auswärtigen Amts. So hat er beispielsweise die deutsche Wiedervereinigung, die NATO-Russland-Verhandlungen oder das Bosnien-Friedensabkommen mit gestaltet. Wie groß in dieser Zeit die Nähe zu den Machern der Weltpolitik war, ließ er in seinem Vortrag immer wieder durchblicken. So berichtete er etwa über das Abendessen mit einem hochrangigen russischen Sicherheitspolitiker 1993, bei dem er fragte:„Sag mal Juri, was macht Ihr, damit Nachbarn wie Polen oder die Ukraine nicht mehr so viel Angst vor Russland haben?“ Zurzeit ist Ischinger als Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz vom Auswärtigen Dienst beurlaubt, jedoch als Gesprächspartner und Berater immer noch viel auf dem internationalen Parkett unterwegs. Wenige Tage vor seinem Besuch an der Universität saß er beispielsweise noch mit der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright zusammen, um ein strategisches Konzept zum Verhältnis der NATO zu Russland zu erarbeiten.
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