Hans-Georg Scherer
Prof. Dr. phil. habil. Hans-Georg Scherer
Werdegang | |
Studium und wissen-schaftliche Qualifikation |
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Beruflicher Werdegang | Tätigkeiten als Sportlehrer Berufsschule (1974/75) Trainer- und Ausbildertätigkeiten A-Trainer Leichtathletik Lehrkraft für Theorie u. Praxis der Sportarten Turnen, Leichtathletik, Skilauf, Rollen u. Gleiten, Radsport (1975 - 1991, Universität Marburg) Wissenschaftlicher Mitarbeiter 1978 - 1981 im Arbeitsbereich Motologie, Universität Marburg Privatdozent Sportpädagogik und Bewegungslehre (1996-1998 Universität Marburg) Leitung des Forschungs- u. Studienschwerpunkts "Sport mit blinden und sehbehinderten Menschen" an der Universität Marburg (1984 - 1991) Professuren und Vertretungsprofessuren 1991 - 1992 Vertretung der Professur für Sportpädagogik an der Universität Heidelberg |
Aktuelle Forschungsschwerpunkte | |
Situative Kontexte als Lernfaktoren | Ausgehend von einem handlungstheoretischen Rahmenkonzept wird der Einfluss von Situationskomponenten auf das Bewegungslernen untersucht und didaktisch-methodisch strukturiert. Durch gezielte Veränderung situativer Settings werden Bewegungsangebote („affordances“) eröffnet bzw. Rahmenbedingungen („constraints“) für die Entwicklung von Bewegungsmustern gesetzt. Die Varianz von Handlungssituationen wird als konstruktive Komponente des Bewegens und Lernens eingesetzt. Die intendierten Bewegungsmuster müssen dabei nicht durch verbale oder visuelle Vorgaben explizit adressiert werden, sondern sind meist als Resultate von Person-Umwelt-Aufgabe-Bezügen emergent und werden ex post verbal-begrifflich belegt und als Erfahrungen expliziert. Nach Evaluationsarbeiten im Bereich einer situationsbezogenen Sportart (Skilauf) wird das Konzept derzeit auf eher geschlossene Sportarten übertragen. Aktualität erhält dieses Vorhaben durch gesellschaftliche Entwicklungen im Bereich des Sports und durch die Einführung von Erfahrungs- und Lernfeldern in schulischen Lehrplänen sowie universitären Studienordnungen, wo eine tendenzielle Abkehr von normierten Bewegungsmustern und eine stärkere Orientierung an Handlungssituationen zu beobachten ist. |
Wahrnehmung, Bewegung und Kognition | Zahlreiche Phänomene im Sport legen die Vermutung nahe, dass Wahrnehmung und Bewegung auf Basis gemeinsamer kognitiver Repräsentationen verzahnt sind, welche die Wahrnehmung bewegungsbezogener Kontexte beim aktiven Handeln sowie bei der Beobachtung von Fremdbewegungen strukturieren. Neuere theoretische Ansätze gründen auf funktionalen, handlungseffektbezogenen Strukturen als semantischen Kernen gemeinsamer Repräsentationen. Auf dieser Grundlage stellt sich die Frage, ob und wie sich dies in Zusammenhängen zwischen motorischen und perzeptiven Leistungen niederschlägt. Auf perzeptiver Seite setzt dies voraus, dass funktionale Strukturen des Handelns anhand topologischer Merkmale von Bewegungsverläufen erkannt werden können, wofür eine Reihe von Befunden aus Studien mit sog. Point-Light Displays spricht. In einer experimentellen Versuchsreihe wurde der Zusammenhang von perzeptiven und motorischen Differenzierungsleistungen anhand von Wurfbewegungen untersucht. Es bestätigt sich zum Ersten auch in dieser Studie, dass in Point-Light-Technik dargestellte Bewegungsabläufe allein auf Basis von topologischen Merkmalen erkannt und in hohem Grade differenziert werden können. Zum Zweiten können signifikante Zusammenhänge zwischen der Differenziertheit von Bewegungsrealisierungen, perzeptiver Expertise und sprachlicher Differenzierung festgestellt werden, die mit dem Grad einschlägiger Bewegungserfahrung kovariieren. Letzteres ist im Rahmen von „Embodied cognition“-Konzepten plausibel interpretierbar. |
Transfer beim Bewegungslernen | Bei der didaktischen Organisation von Lernprozessen geht man explizit oder implizit davon aus, dass Lerneffekte aus vorausgehenden Lehr-Lernstufen nachfolgende Lernprozesse im Sinne eines positiven Transfers beeinflussen. Die Lernforschung beschäftigt sich u.a. mit den Fragen, wie transferrelevante Einheiten beschaffen sind, wie sie übertragen werden und wie sich bei Transfer Teil- bzw. Gesamtstrukturen verändern. Darauf werden je nach theoretischem Standort unterschiedliche Antworten gegeben. Das vorliegende Projekt verfolgt die Transferfrage auf Basis aktueller Ansätze zur Verhaltenssteuerung. Als transferrelevante Einheiten werden situationsbezogene Aktions-Effekt-Relationen (SAE- bzw. SRE (stimulus-response-effect)-Triplets) unter Führung antizipierter Effekte angenommen. Antizipierte Effekte dürften auch beim Transfer solcher Einheiten in neue (Lern-) Kontexte die transferrelevanten Komponenten darstellen, wobei durch veränderte situative Randbedingungen in der Transfersituation modifizierte Bewegungsaktionen emergieren. In feldexperimen- tellen Versuchsreihen konnten signifikante Intertask- und Intratask-Effekte nachgewiesen werden, die sich auf dieser Modellbasis interpretieren lassen. |
Frühere Forschungsschwerpunkte | |
Curriculumentwicklung im Blinden - und Sehbehindertensport | In einem Kooperationsprojekt des sportwissenschaftlichen Instituts der Universität Marburg und der Deutschen Blindenstudienanstalt wurden ab 1979 Sportangebote für blinde und sehbehinderte Schüler entwickelt, evaluiert und im Rahmen eines Gesamtcurriculums implementiert (z.B. Leichtathletik, Skilauf, Windsurfen, Kajak, Klettern, Rollen und Gleiten, Schwimmen u.a.). Wesentliche pädagogische Orientierung in diesem Curriculum, das seit einigen Jahren sukzessive und mit Erfolg in die schulische Regie überführt wurde, war und ist, neben der Entwicklungsförderung, die Vorbereitung auf den außerschulischen integrativen Freizeitsport. Parallel und in enger Verzahnung mit dem schulischen Projekt wurde deshalb in einem zweiten Projektteil eine Infrastruktur von Sportangeboten in Regelsportvereinen für blinde und sehbehinderte Sportinteressenten entwickelt. Diese Sportangebote erfreuen sich regen Zuspruchs blinder wie sehender Freizeitsportler. Auf der Didacta 2009 erreichte das Projekt den 2. Platz im "Deutschen Innovationspreis für nachhaltige Bildung". |
Spezielle Probleme im Sport mit blinden Menschen | Im Rahmen der Entwicklung von Sportangeboten für blinde Menschen ergaben sich insbesondere zwei spezifische Probleme beim sportlichen Handeln und Lernen: Zum einen das Problem der Raumwahrnehmung und räumlichen Orientierung bei alltagsfernen, schnellen, raumgreifenden und in ungewohnten Raumlagen und Bewegungsmedien (Schnee, Wasser, Luft, Lokomotionsinstrumente wie Skates, Ski, Surfboard etc.) zu vollziehenden Bewegungen, bei denen zudem die gewohnten Orientierungshilfen (z.B. Blindenstock) nicht nutzbar sind. Hier stellte sich für Praxis und Forschung die Frage, wie sich blinde Menschen auf Basis der in den je spezifischen dynamischen Wahrnehmungsfeldern emergenten Informationen weitestmöglich eigenständig orientieren können. Ein zweites Problem ist in der Bildung von handlungsleitenden Bewegungsvorstellungen für die i.d.R. alltagsfernen sportlichen Handlungen zu sehen. Beide Fragenkomplexe wurden in eigenen, eher grundlagenorientiert und experimentell angelegten Projekten bearbeitet und es konnten eine Reihe praxisrelevanter Lösungen gefunden werden. |
Zur bildungstheoretischen Bedeutung des Bewegungshandelns (theoretisch-systematische Studie) | In dieser grundlagenwissenschaftlich-theoretischen Studie wird der Zusammenhang von Bildung und Bewegung auf struktureller Ebene untersucht mit dem Ziel, die Bedingungen der Möglichkeit von Bildung durch Bewegung freizulegen. Dabei setzt die Studie an einer basalen Ebene des Bewegungshandelns an und will zeigen, dass sportliches Bewegen und Bildung in einer unauflöslichen strukturellen Beziehung stehen und dass im Bewegungshandeln basale Erfahrungs- und Bildungsprozesse gründen, die von großer entwicklungstheoretischer Bedeutung sind. Darüber hinaus wird herausgearbeitet, dass die relevante und in der Sportpädagogik zugrunde zu legende Struktur komplexer ist als die einer einfachen Relation und dass die konstitutiven Komponenten des Beziehungsgeflechts (strukturell) in einem wechselseitigen operationalen Zusammenhang stehen. Auf dieser Basis lässt sich der für pädagogische Vermittlungsprozesse zu steckende Rahmen bestimmen, der gegeben sein muss, will man in der Vermittlung von Sport und Bewegung die gegebenen Bildungspotenziale ausschöpfen und vermeiden, dass die Vermittlungsstruktur gegenüber der Bildungsstruktur verkürzt ist. |
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