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Ein Beitrag zur monetären Bewertung von digitaler Netzinformation in Versorgungsunternehmen

Ein Beitrag zur monetären Bewertung von digitaler Netzinformation in Versorgungsunternehmen

von Matthias Ebner

Bei der Einführung und der Pflege eines NIS bestehen vielfältige technische und organisatorische Herausforderungen. Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Praxis standen bisher die technischen Herausforderungen im Mittelpunkt des Interesses. Die organisatorischen Herausforderungen dagegen wurden in der Vergangenheit, gemessen an ihrer Bedeutung, wenig behandelt. Dies führt vielfach dazu, dass die neuen aus dem NIS erzeugten NI-Produkte nicht die Anforderungen der Nutzer erfüllen. Dazu kommen oft unerwartet hohe Kosten für die Her- und Bereitstellung der neuen Produkte. In der Folge kommt vermehrt die Frage nach dem monetär bewerteten Nutzen des NIS und der daraus erzeugten Produkte auf.

In der Literatur existieren nur wenige Ansätze, die sich mit der Kosten-/Nutzenanalyse bei der Einführung eines NIS beschäftigen. Dabei handelt es sich nicht um Wirtschaftlichkeitsrechnungen, sondern um Wirtschaftlichkeitsanalysen, die meist zum Ziel haben eine Entscheidung über die Einführung eines NIS treffen zu können. Während die Kostenpositionen identifiziert sind und zum Großteil monetär bewertet werden, wird das Nutzenpotenzial der neuen NI-Produkte durch Punktewerteverfahren abgeschätzt. In keinem der recherchierten Ansätze gelingt eine nachvollziehbare monetäre Bewertung des Nutzens der neuen gegenüber dem der bisher eingesetzten Produkte, das heißt der Nutzendifferenz der Produkte.

Der Ansatz der vorliegenden Arbeit systematisiert die Ermittlung der Nutzendifferenz zwischen den neuen und den bisher eingesetzten NI-Produkten. Es wird dadurch deutlich, dass ein Großteil der Nutzenpotenziale der neuen Produkte nachvollziehbar monetär bewertet werden kann. Der Ansatz besteht aus einem Konzept der monetären Bewertung und einer Methode, die im Rahmen des Konzepts anzuwenden ist. Die wesentlichen Komponenten des Ansatzes sowie die damit erzielten Ergebnisse werden im folgenden zusammengefasst.

 

Der Ansatz der Arbeit beruht darauf, dass ein Anbieter im Versorgungsunternehmen die benötigten NI- Produkte erzeugt und diese den einzelnen Kunden bereitstellt. Ein Kunde bezieht für jede konkrete Fragestellung, die sich im Rahmen seiner Tätigkeiten ergibt, ein NI-Produkt, mit dem diese unterstützt wird. Die konsequente Trennung von Anbieter und einzelnen Kunden der NI-Produkte ist neu. Dadurch wird die erforderliche Übersichtlichkeit für eine getrennte Betrachtung der Nutzendifferenz beim Anbieter und bei einzelnen Kunden erreicht. Gegenstand der Arbeit ist die Nutzendifferenz, die bei den einzelnen Kunden entsteht.

Kapitel 2 behandelt Grundlagen und Begriffe, die zum Verständnis der Arbeit notwendig sind. Dabei wird insbesondere die Bedeutung des Prozessmanagements als Kern der vorgestellten Methode heraus gestellt. Die konsequente Prozessorientierung ist im Zusammenhang mit der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung von NI- Produkten neu. Sie ist die Voraussetzung für die zuverlässige Ermittlung von Zeiteinsparungen, die durch den Einsatz neuer NI-Produkte im Versorgungsunternehmen entstehen. Ermittelte Zeiteinsparungen können durch die vorgestellten anerkannten Bewertungsverfahren in Personalkosten umgerechnet werden.

In dem Konzept der monetären Bewertung sind zunächst die Merkmale von NI-Produkten Gegenstand der Betrachtung. NI-Produkte sind durch mehrere Merkmale gekennzeichnet. Es gibt Merkmale, die zu vergleichende NI-Produkte gleichermaßen aufweisen und in Bezug auf die für die Produkte die gleichen Anforderungen bestehen. Zudem wird im weiteren vorausgesetzt, dass die Produkte diese Anforderungen gleichermaßen erfüllen. Das bedeutet, dass die Kunden für diese Art der Merkmale die gleichen Merkmalswerte vergeben. Beispielsweise soll für das Merkmal Qualität der Daten (ISO, 2002) der Merkmalswert der Produkte jeweils ausreichend hoch sein.

Gleiche Merkmalswerte in den beschriebenen Merkmalen werden vorausgesetzt, weil unterschiedliche Merkmalswerte sich auf die zu ermittelnde Nutzendifferenz der NI-Produkte auswirken und das Ergebnis verfälschen würden. Diese Voraussetzung hat zur Folge, dass ein Kunde die gewünschte Information in der geforderten Qualität mit den neuen ebenso wie mit den bisher eingesetzten Produkten beschaffen kann. Für seine Entscheidungen hat der Kunde somit jeweils die gleiche Information als Entscheidungsgrundlage zur Verfügung. Das bedeutet, dass die Kunden unabhängig davon, welche Produkte sie einsetzen, zu den gleichen Entscheidungen gelangen. Es besteht demnach keine Nutzendifferenz zwischen den zu vergleichenden Produkten aufgrund einer Verbesserung von Entscheidungen.

Die Nutzendifferenz ergibt sich gemäß dem Konzept der monetären Bewertung aufgrund von den Merkmalen, in denen sich die zu vergleichenden Produkte unterscheiden. Beispielsweise zeichnen sich die neuen NI-Produkte im Gegensatz zu den bisher eingesetzten oft durch einen guten Merkmalswert für die Zugriffgeschwindigkeit aus.

Eine Nutzendifferenz aufgrund der Unterschiede in den Merkmalen der Produkte kann sich aus folgenden beiden Faktore zusammen setzen:

  • Es entstehen den Kunden höhere Einnahmen durch den Einsatz der neuen NI-Produkte. Das ist der Fall, wenn die Kunden für die Ergebnisse ihrer eigenen Prozesse höhere Einnahmen erzielen als bisher. Der Beitrag der höheren Einnahmen zur Nutzendifferenz ist im Falle der NI-Produkte und für die meisten Kunden meist vernachlässigbar gering.
  • Es entstehen den Kunden insgesamt geringere Kosten durch den Einsatz der neuen NI-Produkte. Die einzelnen Kostenpositionen der Kunden vor und bei Einsatz der neuen Produkte sind aus der Literatur bekannt. Die Differenz der Kosten dieser Kostenpositionen stellen für die Kunden den wesentlichen Beitrag für ihre Nutzendifferenz dar.

Der Ansatz beim Vergleich des Nutzens der NI-Produkte lautet zusammengefasst:

Kostendifferenz (Euro) ≈ Nutzendifferenz (Euro)

Innerhalb der zu betrachtenden Kosten bilden eingesparte Personalkosten den für die Arbeit relevanten Beitrag zur Nutzendifferenz. Diese eingesparten Personalkosten sowie die zugrunde liegenden Zeiteinsparungen wurden bisher in der Literatur nicht nachvollziehbar ermittelt. Im Gegensatz dazu kann die Differenz der übrigen Kosten gemäß der Einschätzung in der Literatur monetär bewertet werden. Ziel der Arbeit ist deshalb die monetäre Bewertung der Zeiteinsparungen, die die einzelnen Kunden durch den Einsatz von neuen NI-Produkten erreichen.

Durch die ermittelte Nutzendifferenz kann jeder Kunde die Wirtschaftlichkeit seiner neuen NI-Produkte im Vergleich zu den bisher eingesetzten erkennen. Es handelt sich dabei um eine relative Bewertung der Wirtschaftlichkeit. Eine absolute Bewertung der Wirtschaftlichkeit der bisher eingesetzten oder der neuen NI- Produkte wird dadurch nicht erreicht. Eine absolute Bewertung kann nur durch die Methode der Abschätzung von Folgekosten erfolgen. Diese ist jedoch mit großer Unsicherheit behaftet und wird deshalb über die Ausführungen in Abschnitt  hinaus nicht weiter verfolgt.

Das Ergebnis der relativen Wirtschaftlichkeitsrechnung der NI-Produkte dient als Grundlage für eine Preisfindung zwischen dem Anbieter und den einzelnen Kunden. So wird z.B. kein Kunde für die neuen NI- Produkte mehr bezahlen als den monetären Wert, den seine Wirtschaftlichkeitsrechnung ergibt. Wenn der Anbieter und die einzelnen Kunden auf Basis der anzuwendenden Preistheorie zu einer Preisfindung für die neuen NI-Produkte kommen, hat auch der Anbieter einen entscheidenden Anhaltspunkt für die Wirtschaftlichkeit der von ihm erzeugten NI-Produkte. Darüber hinaus kann der Anbieter seine Wirtschaftlichkeitsrechnung ebenso wie die einzelnen Kunden auf Basis des Ansatzes der Arbeit vornehmen.

In Kapitel 4 wird die grundsätzliche Praxistauglichkeit der Methode zur Ermittlung von Zeiteinsparungen auf Basis eines Referenzprozessmodells aufgezeigt. In einem ersten Beispiel aus der eigenen Projektarbeit wird ein Arbeitsschritt des Referenzmodells in elementare Arbeitsschritte zerlegt und werden die dafür angegebenen Durchlaufzeiten verglichen. Die ermittelten Zeiteinsparungen werden in einen monetären Wert umgerechnet. Anhand des Ergebnisses dieser monetären Bewertung lässt sich erkennen, dass die Personalkosteneinsparungen sehr hoch sein können und weiteres Kosteneinsparpotenzial um ein Vielfaches übersteigen.

Weiterhin wird gezeigt, wie die Verwendung von Zeiteinsparungen die monetäre Bewertung beeinflusst und wie weit die Auswirkungen der neuen NI-Produkte reichen können. Die Möglichkeiten, die durch den Einsatz neuer NI-Produkte entstehen, reichen soweit, dass sich neben der Ablauf- auch die Aufbauorganisation des Versorgungsunternehmens ändern kann. Das durch Zeiteinsparungen entstehende Potenzial muss von den Kunden entweder in Form von Rationalisierung oder Produktivitätssteigerung ausgeschöpft werden und kann dann mit Hilfe des TSTS-Model (Rationalisierung) oder des Hedonic Wage Model (Produktivitätssteigerung) monetär bewertet werden.

An einem zweiten Beispiel des Hauptprozesses Instandhaltung wird gezeigt, dass die Methode auch anwendbar ist, wenn es sich um Prozesse handelt, die durch ereignisgesteuerte Verzweigungen sehr komplex werden können. Aus den Ergebnissen der beiden genannten repräsentativen Beispiele lässt sich schließen, dass die Methode für alle NI-gestützten Prozesse im Versorgungsunternehmen aussagekräftige Ergebnisse bringt. Es entsteht Übersicht, über die Höhe der eingesparten Personalkosten in den elementaren Arbeitsschritten dieser Prozesse.

Über die Bedeutung der Methode wird in Kapitel 5 diskutiert. Dort werden die in der Literatur genannten Nutzenpotenziale von neuen NI-Produkten untersucht und es wird beurteilt, in wie weit diese mit der vorgestellten Methode monetär bewertet werden können. Die Beurteilung wird unter folgenden Annahmen vorgenommen:

  • Das Kerngeschäft eines Versorgungsunternehmens ändert sich durch den Einsatz von neuen NI- Produkten nicht. Die meisten Kunden verrichten überwiegend die gleichen Aufgaben wie bisher.
  • Die Kunden erzielen dabei keine höheren Einnahmen.
  • Die Personalkosteneinsparungen stellen den wesentlichen Anteil der Nutzendifferenz dar. Diese Annahme wird durch die Ergebnisse der praktischen Untersuchung in Abschnitt  gerechtfertigt.
  • Neue Aufgaben, in denen Anwendungen für neue NI-Produkte entstehen, sind selten oder bringen keine oder nur geringfügige Einnahmen.
  • Strategische Wettbewerbsvorteile sehen die meisten Kunden aufgrund ihrer Position innerhalb des Versorgungsunternehmens für sich nicht als bedeutend an. Ihre monetäre Bewertung lehnen sie zudem ab, weil diese zu unsicher ist. Aus Sicht der Unternehmensführung sind die strategischen Wettbewerbsvorteile ebenfalls nicht von großer Bedeutung, wenn sich das Unternehmen in einer monopolähnlichen Stellung befindet.

Unter Berücksichtigung dieser Annahmen resultiert eine neue Einteilung von Nutzenpotenzialen, die im folgenden in der Reihenfolge ihrer Bedeutung für den Kunden genannt sind:

  • Nutzenpotenziale, die zu einer Veränderung der Durchlaufzeit in bereits bestehenden Arbeitsschritten des Kunden führen. Diese bilden den Großteil und sind nachvollziehbar monetär bewertbar.
  • Nutzenpotenziale, die in neuen Anwendungen auftreten, die durch die neuen NI-Produkte unterstützt werden. Diese können mit dem vorgestellten Ansatz nicht monetär bewertet werden.
  • Nutzenpotenziale, die für den Kunden von strategischer Bedeutung sind. Diese können mit dem vorgestellten Ansatz nicht monetär bewertet werden.

Das vorgestellte Bewertungsverfahren wird schließlich auf Basis eines Kriterienrahmens von (Pietsch, 2003) beurteilt. Insbesondere die Kriterien Form, Transparenz und Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse sowie Ganzheitlichkeit erfüllt das Verfahren in hohem Maße. Die Beurteilung des Kriteriums Ermittlungs- und Bewertungsaufwand hängt davon ab, in wie weit das Prinzip der Prozessorientierung bereits Bestandteil der Unternehmensphilosophie ist. Beispielhaft ist auch das Kriterium Praxisrelevanz hervorzuheben. Obwohl der Ansatz in engem Kontakt mit der Praxis entstand, kann seine Praxisrelevanz zunächst nur validiert und erst durch die konsequente und vollständige Umsetzung in einem Pilotprojekt verifiziert werden.

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