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Durch Taktik, Team und
Segeltrimm zum Regattaerfolg
„Course Croisière EDHEC“, die europaweit größte Studentenregatta, lockt jährlich mehrere tausend Studenten an die französische Atlantikküste. In diesem Jahr erstmals dabei: Das noch junge Segelteam der UniBw München.
Im April Segeln an der Atlantikküste. Nicht unbedingt die besten Voraussetzungen für sonnige Segeltage, schließlich hat der Golf von Biskaya nicht gerade den Ruf, Südseefeeling zu verbreiten. Das Gegenteil beweisen die jüngsten Erfahrungen des Segelteams der UniBw München. Bei der europaweit wohl größten Studenten-Segelregatta „Course Croisière EDHEC“ konnten die sechs Studenten vor allem an den ersten Tagen in Shorts und T-Shirt bei wolkenlosem Himmel in der Bucht von La Rochelle segeln.
Neues Team mit Ambitionen
Die 38. Course Croisière richtete vom 22. bis 29. April die École des Hautes Études Commerciales (EDHEC) aus. Für die Liller Wirtschaftsstudenten ist das Großereignis mit 6.000 Teilnehmern und 200 Segelbooten ein prestigeträchtiges Studienprojekt, in dessen Organisationsteam nur die Besten eines Jahrgangs aufgenommen werden.
An die Münchner Bundeswehr-Uni gelangte die Kunde vom „évènement incontournable“ – der Veranstaltung, die man nicht verpassen darf – durch Stephan Bachmann, seinerzeit im Auslandsaufenthalt an der École Supérieure de Commerce in Toulouse. Der angehende Diplom-Kaufmann, Jahrgang WOW `03, versuchte das Projekt im Deutsch-Französischen Arbeitskreis (DFA) zu platzieren. Dort übernahm der erfahrene Jollensegler Sebastian Vagt, SWI `05, die Koordination des Projektes und die Rekrutierung einer Crew, nachdem Bachmann die Regattateilnahme zugunsten seiner Diplomarbeit hatte absagen müssen. Mit Tobias Kotschor holte der Fähnrich zur See Vagt einen segelbegeisterten DFA und Jahrgangskameraden als Vorschiffsmann an Bord. Clemens Koschatzky und Gerrit Huth, beide ebenfalls SWI 05 und Marinesoldaten, und Jens Krees (SWI`04) bildeten als Pitman – verantwortlich für Setzen und Bergen der Segel und den Trimm des Riggs – sowie Genua- und Spinnakertrimmer das Mittelschiff . Für Taktik und Gesamttrimm konnte Steuermann Sebastian Vagt in Jens Parnow, Marinekamerad von der Hamburger Schwesteruni (VWL`05), einen erfahrenen Kielboot-Regattasegler an die Großschot holen.
Trotz der angesammelten Segelerfahrung der UniBw-Crew war nach Ankunft in der Hauptstadt des Departements Charente-Maritime einige Vorbereitung nötig. Zum günstigen Preis von 4.400 Euro hatten die Segler in einem vom Ausrichter angebotenen Paket ein Boot der Einheitsklasse „Grand Surprise“ gechartert. Das erst ab 1999 gebaute Boot – Neupreis ohne Segel 55.000 Euro – bietet einen modernen, sportlichen Schnitt von Rumpf und Rigg und ist mit neuneinhalb Metern Länge eines der längeren Boote, die hauptsächlich als sportliche Racer und nicht als komfortorientierte Cruiser konzipiert sind. Zügig nach der Bootsübernahme der „Le Bleu Ciel“ getauften Grand Surprise ging es dann raus aufs Wasser; heiß darauf, das erste Mal als Team zusammen zu segeln, jeder in seiner festen Position und Funktion. Bei tollen Segelbedingungen – der Name des Bootes passte also perfekt zum wolkenlosen Himmel und angenehmem Leichtwind – konnte die Crew erstmals die Manöver einüben und die tollen Segeleigenschaften von „Le Bleu Ciel“ spüren. Gegen Ende des ersten von zwei Trainingstagen klappten die Wenden und die Spinnakermanöver Setzen und Bergen, ja sogar das Halsen unter Spinnaker, wie am Schnürchen. Der „Chef de bord“ Jens Parnow war zufrieden.
Nach Einlaufen in die riesige Marina von La Rochelle brauchte „Le Bleu Ciel“ nicht mehr zum Steg des Vercharterers zurück, sondern konnte an der Pier für die internationalen Teams festmachen. Hier traf man auf Finnen und Schweden, Schweizer und Deutsche, Portugiesen und Kanadier, sogar ein international gemischtes Team aus Belgiern, Spaniern und einer Engländerin, die sich im Internet kennen gelernt und vor der Regattawoche nie zuvor gesehen hatten. Eifriges Gewusel auf dem Steg, Sprachenwirrwarr. Schnell boten die Schweizer die erste Runde Bier an. Wie es sich für ordentliche Segler gehört, sollte gemütlich das eine oder andere folgen.
Die Realisierung des Course-Croisière-Projektes an der Bundeswehr-Uni konnte nur durch die finanzielle Unterstützung des Sportfördervereins gelingen. Bei der Präsentation der Idee konnte der Vorsitzende, Bauingenieur-Professor Norbert Gebbeken, schnell vom sportlichen Wert der Regatta überzeugt und von der Begeisterung der ambitionierten Crew mitgerissen werden. Etwas schwieriger gestaltete es sich, den Bauchgrimm des Leiters Studentenbereich, Oberst Jörg Lohmann, zu überwinden. Doch auch hier, vereint mit der Fürsprache durch den Konventsvorsitzenden Alexander Gruß und Professor Gebekken, der befürwortend die „Trias Kompetenz – Vertrauen – Eigeninitiative“ hervorhob, zeigten die Argumente des Segelteams Wirkung und Oberst Lohmann erteilte die Teilnahmeerlaubnis, ohne die auch die Finanzspritzen des Sportfördervereins unbrauchbar gewesen wären.
Nur so war der Start am ersten Regattatag im Feld der 46 Boote der Einheitsklasse Grand Surprise möglich geworden. An diesem dritten Segeltag frischte der Wind vor allem vormittags deutlich auf; gute vier Windstärken sorgten jetzt dafür, dass „Le Bleu Ciel“ auch auf dem Amwindkurs die sechs Knoten überschritt. Der Himmel war jetzt freilich nicht mehr stahlblau, eher grau mit Wind verheißenden Wolken bedeckt. Aber wer braucht schon blauen Himmel, wenn es endlich mit sportlichem Wettkampf los geht? 46 Boote von knapp zehn Metern Länge, zweieinhalb Tonnen Gewicht, drängeln sich ehrgeizig auf 200 Meter Startlinie.
Enge Manöver sorgen für Action
Der erste Schuss vom Startschiff: acht Minuten bis zu Start. Genua setzen, Taktiker und Steuermann beobachten Startlinie und Windrichtung. Hat der Wind gedreht? Ist dadurch vielleicht eine Seite auf dem Kurs zur ersten Wegmarke leicht bevorteilt? „Startschiff ist vor“, einigen sich Sebastian Vagt und Jens Parnow, die als so genannte Afterguard gemeinsam die taktische Vorgehensweise überlegen und umsetzen, auf die am besten zu wählenden Startposition. Das wissen aber natürlich auch die anderen Teams. Dementsprechend wenig werden sich die Grand Surprises kurz vor dem Start verteilen. Zweiter Schuss vom Startschiff : noch vier Minuten. Der Adrenalinpegel steigt. Aufmerksam steuert Vagt „Le Bleu Ciel“ in eine geeignete Startposition, die ganze Crew schaut auf die anderen Boote. Wenn es so eng ist, müssen die Boote ihre Ausweichmanöver schnell fahren oder eben ihr nach den Regeln zustehendes Wegerecht durchsetzen. Ein laut gegen die im Wind schlagenden Segel und die klatschenden Wellen angebrülltes „Ey!!“ ist dafür die internationale Vokabel. „Noch eins dreißig!“, ruft Gerrit Huth mit Blick auf die Uhr. „Schnell fahren“, fordert Steuermann Vagt. Die Crew reagiert an Genuawinsch und Großschot, nimmt die Segel dicht. Die Countdown-Uhren piepen, begleiten das windverzerrte Signal vom Startschiff: noch sechzig Sekunden. Jetzt bloß nicht zu früh die Startlinie überqueren. Sonst gibt’s eine Disqualifikation für diese Wettfahrt. „Noch dreißig Sekunden!“, zählt Gerrit Huth weiter, „Zwanzig – Fünfzehn!“ – „Los, Genua dicht, alle hoch auf die Kante!“, kommandiert Jens Parnow von hinten. Eine letzte Umdrehung mit der Winschkurbel an der Genuaschot, dann auf die Kante. Aufgereiht sitzen Vorschiffsmann Kotschor, das Mittelschiff Huth, Koschatzky, Krees auf der Kante. Die Beine außenbords, die Oberkörper über die Reling heraus gebeugt. Dem Druck des Windes in den Segeln maximales Gewicht entgegensetzen, damit das Boot so aufrecht wie möglich und dadurch so schnell wie möglich fahren kann.
Unglaublich gestartet...
Faszination Segeln ist Bewegung ohne Motor. Faszination sportliches Segeln ist es, alles aus dem Schiff herauszuholen: alle Trimmmöglichkeiten durch Segel- und Riggeinstellungen, durch Gewichtsverteilung zu nutzen, taktisch besser als der Gegner zu fahren, Winddreher und Böen rechtzeitig und richtig zu erkennen. Segeln ist aber auch Adrenalinkick im Mannschaftsgewand. Jeder Segler hat in jedem Manöver Aufgaben, eine Hand vertraut darauf, dass die andere das richtige tut. Sonst kann schnell etwas passieren. An allen Bojenumrundungen kommt das Feld dicht zusammen. In dieser Enge müssen die wichtigen Manöver gelingen.
Ein ums andere Mal wird es dabei laut an Bord. „Verdammte Sch***e!“ verbunden mit einer genauen Anweisung an das entsprechende Crewmitglied wechselt sich ab mit „Gutes Manöver, Jungs! Wir haben drei Boote überholt!“ vom Taktiker Jens Parnow. Erfolg und Enttäuschung liegen eben nah beieinander. Nach einem Wettkampftag von acht oder neun Stunden auf dem Wasser – bis zu drei Wettfahrten à knapp zwei Stunden plus Hin- und Rückweg zum und vom Start – fragt der schwedische Steuermann Johan Qviberg: „You had an incredible start. How did you finish?” – Grummelnd ausweichende Antwort von Sebastian Vagt. Der Kurs zur ersten Tonne hätte nach perfektem Start eigentlich unter den Top Ten enden können, aber nach einem Regelverstoß und angedrohtem Protest durch ein gegnerisches Team ist ein aufwändiges Strafmanöver notwendig. „Le Bleu Ciel“ wird ans Ende des Feldes durchgereicht, fährt als 40. ins Ziel. Nach den sechs Regattatagen hat das Segelteam der UniBw zwölf Wettfahrten gesegelt und als beste Resultate einen 18. und einen 20. Platz in der Wertung. Die Segelregeln erlauben ab zehn Läufen das Streichen der zwei schlechtesten Ergebnisse. Da die „Le Bleu Ciel“ - Mannschaft dummerweise eine Frühstart-Disqualifikation und ein wegen Materialschaden nicht beendetes Rennen eliminieren muss, blieb der Ausrutscher mit seinen 40 Minuspunkten in der Wertung.
Die Crew beendet die erste Teilnahme einer UniBw - Mannschaft an der Course Croisière in La Rochelle auf einem passablen 26. Platz. Und kommt gerne wieder. CC EDHEC Nummer 39 findet 2007 in Brest statt. Ob auch die Bretagne Südseeflair zu vermitteln weiß…?


